Der Hundertste Tanztee

„70. Mit 70 begegne ich hier doch niemandem mehr. Das lohnt sich gar nicht. Wer weiß, wie lang ich noch hier bin! Und um Gottes Willen, alle Männer in meinem Alter sind doch ohnehin verheiratet oder so nah am Tod, dass sie ihn schon riechen können. Wie auch alle anderen. Nein danke. Nicht mit mir. Ungefähr so sah es bis vor einem halben Jahr in meinem Kopf aus. Hilde, mach Dir nichts vor sagte ich mir, da ist nichts mehr, die guten Tage sind vorbei. Wenn ich jetzt so drüber nachdenke ist das verdammt albern oder? Allein bleiben nur weil ich schon ein paar Jahre mehr auf dem Buckel hab? Nachdem mich meine Nachbarn aus dem Haus für betreutes Wohnen, in dem ich seit nun 2 Jahren zufrieden wohne, wochenlang bearbeitet und schließlich überredet haben, mit zum Tanztee – Tanztee da fühlt man sich ja direkt noch älter!-zu kommen, bin ich also mit. Ich war eigentlich schon nach 5 Minuten kurz vorm Gehen, aber meinen Freunden zuliebe bin ich geblieben. Da hab ich auch Hans kennen gelernt. Beim ersten Tanztee. Romantik frisch aus dem Leben gegriffen und mich auserwählt. Und das mit 70. Zwei oder Drei Tänze und wir verstanden uns auf Anhieb. Trafen uns in der folgenden Woche. Ein Date. Mit 70. Fühlt sich an wie nochmal 25 sein. Tolles Gefühl. Hans war der erste Mann, mit dem ich mich nach dem Tod meines Gatten vor 10 Jahren traf. Jetzt ist er mein Freund. Mein Begleiter, mein Liebhaber. Mein Freund eben. Und das mit 70.“

„Mein gefühlter Hundertster Tanztee. Sonntagnachmittag. Es sind oft die gleichen Menschen hier. Die kenn ich schon. Nette Menschen. Ich komm gern hier her, einfach um sich mal nett zu unterhalten in guter Atmosphäre. Die Richtige war noch nicht dabei, aber das muss auch nicht sein. Ich bin mittlerweile 75 und bereits seit 20 Jahren allein. Nette Gespräche reichen vollkommen aus. Aber heute betritt ein neues Gesicht den Raum. Unsicher und wunderschön. Das ist die Hilde. Sie lerne ich hier kennen. Auf meinem Hundertsten Tanztee. Nach Zwei Tänzen ist alles klar für mich. Die soll es nun sein. Tolles Gefühl. Hat lange gedauert, aber es fühlt sich dadurch nur noch besser an. Manchmal muss man eben Geduld haben, das war doch auch nicht anders als wir 18 waren oder? Irgendwann kam jemand, der einem Schmetterlinge in den Bauch zauberte. Aber eben nicht sofort, sondern vielleicht auch erst ein paar Jahre später. Ich meinem Fall Hundert Tanztees später. Das warten hat sich gelohnt…!“

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